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Backe backe Kuchen oder der diskrete Charme des Innehaltens der S21-Bewegung

Der  Protest gegen das Immobilienprojekt Stuttgart 21 richtet sich gegen Naturzerstörung und für  den Erhalt einer lebenswerten  Umwelt. Dafür gehen wir auf die Straße und einige sogar ins Gefängnis.

Spät, aber hoffentlich nicht zu spät, sind junge Leute darauf gekommen, dass etwas den Bach runter geht  – mit der Umwelt, dem Klima, mit der Politik und mit ihrer Zukunft. Es hat nur eines Anstoßes von der „richtigen“ Stelle bedurft, um sich selbst betroffen zu fühlen. Eigene Betroffenheit ist fast immer die Ursache, wenn Menschen auf die Straße gehen und protestieren.   Weniger sind es die sozialen Missstände und/oder erlittenes Unrecht anderer.  Die Friedensbewegung hat nur deswegen viele Anhänger*innen auf die Straße gebracht, weil die Menschen sich von einem eventuellen Krieg bedroht fühlten (Standort der Perching-Raketen, Nato-Doppelbeschluss) oder bei der AKW-Bewegung die Angst vor dem SuperGau durch die  Fukushima-Katastrophe, die sie auf die Straße gehen ließ.

Dass es bei dem Klima-Protest ums Große und Ganze geht, um die Zukunft und es auch bei unseren Protesten nicht „nur“ um einen Bahnhof,  wissen wir doch längst. Ich frage mich aber, warum es ein gefühlte Ewigkeit gedauert hat, bis die Themen Klima, Feinstaub, Wohnmisere auch bei den Montagsdemos zur Sprache kamen.  Im Grunde sind die Montagsdemos zum verlängerten Arm der Juristen und Ingenieuren geworden. Ich bezweifle um Gottes willen nicht die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit und Untersuchungen. Das muss erhalten bleiben. Auch davon „nährt“ sich die Bewegung. Aber mit rechtlichen und technischen Schwerpunkten allein können wir keine Zuläufe erwarten, von den Jungen schon gar nicht.

Leider übt sich ein Teil der Bewegung gegen S21 bewusst in vornehmer Zurückhaltung.  Hilfestellung ist schon o.k. – aber nur in Form von Brot- und Kuchenständen oder dezentem Kärtchenzeigen mit „Danke“-Hintergrund. Ach, es ist ja auch so rührend, wenn eine Seniorin einen Berg Kuchen anschleppt, um die hungrigen Mäuler zu stopfen und  sich die Alten devot und altersweise bei den Jungen bedanken!  Ansonsten aber bitte  im Hintergrund halten und  nicht  von vorneherein  alles durch Einmischung und Beckmesserei verderben.   Ins gleiche Horn stößt auch das Aktionsbündnis in der Info Nr. 157: „Belehren, Besserwissen, altkluges Reinreden wären das letzte. Die Jungen haben sehr schnell eigene Protestformen entwickelt, von denen wir einiges lernen können. Sie werden ihren Weg finden. Wie auch immer die ausdrücklich gewünschte Unterstützung auch von den Älteren aussehen könnte, muss besprochen und geklärt werden.  …“Man/frau hört es und staunt. Da wird anscheinend von den Macher*innen von fridays for future  „ausdrücklich Unterstützung gewünscht“ und gemacht wird – gar nichts. Denn „Es muss noch besprochen und geklärt werden“.  Bei dem Tempo also zum Sankt Nimmerleinstag. Und dann noch „Wir sind dabei, in welcher Form auch immer!“ – Leider hat sich die Form dann am 15. März hauptsächlich in der „teilnehmenden Beobachtung“ gezeigt. Aber was Wunder bei den vielen ehemaligen Lehrern in der Bewegung gegen Stuttgart 21.

Dazu passt auch perfekt die in der Pädagogik bekannte Erziehungsmethode von TRIAL AND ERROR und der OPERANTEN KONDITIONIERUNG.   Für die wenigen aus der Bewegung, die nicht im weitesten Sinne mit Pädagogik zu tun haben (!): Die operante Konditionierung bezeichnet das Lernen durch Versuch und Irrtum. Bedingt durch ein Ereignis, das auf ein gezeigtes Verhalten folgt, wird das Verhalten entweder häufiger oder seltener auftreten. Die eintretenden Ereignisse oder Konsequenzen werden in Verstärker und Bestrafung unterteilt. Verstärker und Bestrafung können entweder hinzugefügt oder entfernt werden. Dazu gehört auch die Trial and Error-Methode (Versuch und Irrtum). Durch eigene Erfahrung (wenn sie auch manchmal weh tut) lernt man am schnellsten.

Also Leute und liebe Lehrer, lasst sie ihre Erfahrungen machen. Deshalb: Ruhig abwarten, erstmal Zugucken, dezent Mitjubeln geht auch,  ebenso verschämt Hintanstehen, dabei Bekannten aus  anderen Gruppierungen und  Organisationen freundlich gefasst zunicken,  auch missbilligend, wenn die MLPD wieder mal mitmischt und viiiiel fotografieren.  Ah, man kennt sich ja. Für den Anfang ist das genug.   Bestrafungen,  Verbote, und  Aussitzen erledigen schon andere. Ganz verlässlich. Bis alle jungen Demonstrant*innen selbst auf die Nase fallen. Wiederholung dann ausgeschlossen. Sie haben nämlich gelernt. Ja, so muß es klappen!

 

 

 

 

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Wolfgang Sternstein zum 80. Geburtstag – eine Würdigung

Nachstehend der Artikel auf BAA, geschrieben von Petra Brixel, anlässliches des Geburtstags von Wolfgang Sternstein am 12. März 2019.

Wolfgang Sternstein – ein Aktivist wird 80 !

In der letzten Zeit ist es ruhig geworden um Wolfgang Sternstein, der am 12. März 2019 seinen 80. Geburtstag begeht. Mehrmals stand Sternstein jedoch bei Montagsdemos auf der K21-Bühne, um vom Widerstand, vom Zivilen Ungehorsam und von seinem Prozess vor dem Landgericht im Jahr 2015 zu sprechen. Nach persönlichen Schicksalsschlägen hat er sich zurückgezogen, doch nach wie vor kommt er zu den Montagsdemos, als aufmerksamer Zuhörer.

Wir in der Anti-S21-Bewegung kennen Wolfgang Sternstein, den großen, ernst und doch  gütig dreinblickenden, meist in schwarz gekleideten Mann mit weißem Bart nur als Aktivisten gegen das Bahnhofsprojekt S21. Doch Wolfgang Sternstein ist viel mehr! Er war Aktivist sein ganzes Leben, durch und durch. Seine große aktive Zeit war vor S21. Und wenn das Alter von 80 Jahren ihm nicht auftragen würde, nun kürzer zu treten, dann wäre er sicher auch im Hambacher Forst, bei Castor-Demos und vielen anderen Protestformen in vorderster Front.

Wolfgang Sternstein ist Friedensforscher und Friedensaktivist, er hat seit den 1970er Jahren an zahlreichen gewaltfreien Aktionen teilgenommen, er stand mehr als ein Dutzend mal vor Gericht und war neunmal für sein Engagement im Gefängnis. Zwischen vier Tage und einem halben Jahr Haft brachten ihm diverse Gerichtsverfahren aufgrund von Widerstandshandlungen ein; insgesamt verbrachte er 14 Monate in Gefängnissen. Aber es wäre nicht Sternstein, wenn er nicht sagen würde: „Verglichen mit dem, was amerikanische Pflugschärler auf sich genommen haben, ist dies nicht der Rede wert.“

Als Konfliktforscher war in den 1970er Jahren Mitarbeiter der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung und in den 1980er Jahren im Vorstand beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU, heute BUND). Schon allein diese kurzen Informationen zeigen, mit welchen Themen und wie intensiv Sternstein sich um die Zukunft der Menschheit gekümmert hat. Seine Friedensliebe und die Sorge um die Zukunft der Menschheit bezog er aus dem Leben und Wirken und den Schriften seines geistigen „Ziehvaters“ Mahatma Gandhi. Dessen Lehren verarbeitete er über die Jahre in seinen Büchern „Mahatma Gandhi. Die Lehre vom Schwert und andere Aufsätze“, „Gandhi. Ausgewählte Werke in fünf Bänden“ und „Mahatma Gandhi – Der Weg der Wahrheit“.

Seine Beschäftigung mit der Religion mündete in die Bücher „Gandhi und Jesus – Das Ende des Fundamentalismus“ und „Bibelkritik – Brauchen wir eine zweite Reformation?“ Passend zu seinem politischen und gesellschaftlichen Engagement schrieb er die Werke  „Marx-Lenin-Mao. Darstellung und Kritik der marxistischen Gesellschaftsanalyse“,  „Pershings zu Pflugscharen. Dokumente einer Abrüstungsaktion“  und „Überall ist Whyl. Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen“.

Seine größte Sorge galt dem Umgang mit der Atomenergie. Die Bedrohung der Menschheit durch Atomkraft und damit ihre Auslöschung war über Jahrzehnte sein innerstes Anliegen, als Aktivist sowie als Publizist. Sein Platz war – lange vor dem Widerstand gegen S21 – in der Anti-Atomkraftbewegung, die er als eine der erfolgreichsten sozialen Bewegungen der jüngeren Geschichte Deutschlands ansieht. Einige der heutigen Anti-S21-AktivistInnen kennen ihn noch aus dieser aufregenden Zeit; sie hatten Seite an Seite mit ihm für den Ausstieg aus der Atomkraft gekämpft. Dieses jahrzehntelange hartnäckige Engagement ist  nachzulesen in seinem faszinierenden Buch „Atomkraft – nein danke – der lange Weg zum Ausstieg“, in dem Sternstein eine Analyse der Bürgerbewegungen von Wyhl bis Gorleben vorlegt. Er beschreibt darin auch Methoden und Strategien gewaltfreier Aktionen, was für Leser, die über den reinen „Demo-Tellerrand“ hinausblicken wollen und die sich mit  dem Erfolg und Misserfolg von sozialen Bewegungen beschäftigen, eine absolut lesenswerte Lektüre ist.

Sein Vermächtnis, sein Appell an alle, die sich um die Menschheit sorgen, ist sein 2017 herausgekommenes Buch „Endzeit – Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter“. Dazu schreibt er: „Es gibt viele wichtige Fragen, aber nur eine, deren Bedeutung alle anderen weit überragt: Es ist die Frage, ob die Menschheit im Atomzeitalter überleben wird.“ Seine in dem Buch dargestellten Analysen gehen weit über den Konflikt Kernkraft hinaus, denn er schreibt all das auf, was ihm Zeit seines Lebens die dringendsten Themen war: Krisenherde, Friedensbewegung mit ihren Aktionsformen, Völkerrecht, kapitalistische und kommunistische Ideologie, Christentum, Gandhi und Alternativen zur militärischen Verteidigung, um nur einige Aspekte zu nennen. Sein Fazit ist vernichtend: „Die Menschheit, das ist meine Diagnose, ist todkrank. Es geht mit Riesenschritten dem Untergang entgegen. … Im Unterschied zu früheren Generationen haben wir die Welt erforscht … und wir erweisen uns doch als unfähig, Konflikte auf allen Ebenen unseres Zusammenlebens anders als durch Gewalt zu lösen, das heißt, sie nicht zu lösen, sondern zu verschärfen und zu vermehren. Wer vermag dieses Rätsel zu lösen?“

Was wird Sternstein zu der Ende 2018 entstandenen Bewegung „Fridays for Future“ sagen? Auch die jungen Menschen dieser Bewegung sehen klar, dass die Menschheit mit Riesenschritten dem Untergang entgegengeht, dass die Zukunft massiv, wenn nicht tödlich bedroht ist. Ihr Ansatzpunkt ist der Klimawandel, doch der Aufschrei ist ähnlich. Steht auch diese Bewegung in der Gefahr instrumentalisiert und in „richtige“ Bahnen umgeleitet zu werden, nach dem Motto „Umarme deine Feinde“?

Im Titel des oben erwähnten Buches steht das Wort „Hoffnung“. Und am Ende des Buches schreibt Sternstein: „Wir hatten die Wahl, und wir haben den falschen Weg gewählt. Aber das heißt nicht, dass nicht jede und jeder von uns die Freiheit hat, von nun an den richtigen Weg zu wählen.“ Also doch noch Hoffnung am Rande des Abgrunds? Sind die jungen Leute von „Fridays for Future“ die Hoffnungsträger? Halten sie durch? Wer hört auf sie? Diskutiert wird immer wieder, ob es rechtens sei, die Schule zu schwänzen, da sie doch eine Schulpflicht haben. Da wäre nun Sternstein der richtige Wegbegleiter, der ihnen von der Kraft des Zivilen Ungehorsams erzählen könnte und davon, dass man für eine höhere Sache auch Strafen und Ungemach in Kauf nehmen müsse. Denn genau das war Sternsteins lebenslanges Thema, wenn es um die Aktionsform ging, mit der die Ziele erreicht werden könnten: der Zivile Ungehorsam.

Einfache Demos waren Sternstein nicht genug; es mussten sichtbare, wirkungsvolle Aktionen sein, auf jeden Fall gewaltfrei, wenn es um Menschen ging. Doch Gewalt gegen Sachen war für ihn denkbar als eine symbolische Form von Widerstand. So beteiligte er sich z.B. an der „Abrüstung“ mittels Zerschlagung von Teilen eines Panzerspähwagens, was als Sachbeschädigung geahndet wurde. Nötigung von Fahrzeugen, Blockaden, Platzbesetzungen und Sachbeschädigung von militärischem Gerät – all das setzte Sternstein für das Überleben der Menschen (und somit gegen Atomkraft und Aufrüstung) ein, auch wenn er dafür – nach der damals und bis heute gängigen Rechtsprechung – bestraft wurde.

Wolfgang Sternstein war der stets zu Diskussionen bereite Protagonist von Zivilem Ungehorsam, und die Anti-S21-Bewegung hat viel mit ihm im kleinen und großen Kreis debattiert, hat sich an seinen Thesenpapieren die Köpfe heiß geredet, hat auch von ihm gelernt. Viele Abende der Theorie und Diskussion gab es in den Jahren ab 2010; er war Mitglied der sogenannten „Blockadegruppe“, der er mit seinen Statements und Schriften viel Futter zur – oftmals auch kontroversen – Diskussion lieferte.

Sternstein fühlte sich oft missverstanden, was die innere Haltung zu einer Strafe wegen Zivilen Ungehorsams anging, denn dass BlockiererInnen und PlatzbesetzerInnen bestraft wurden und werden, war und ist die Regel. Sternstein ließ sich zwar bei Blockaden von der Polizei geduldig abführen (und diskutierte dabei lächelnd und überaus liebevoll mit den Beamten), aber er hat nicht jedes Urteil widerspruchslos hingenommen. Er hat stets Widerspruch eingelegt. Nach seiner Auffassung gehört zum Zivilen Ungehorsam, dass man zwar die Strafe hinzunehmen bereit ist, aber nicht bedingungslos, sondern nur dann, wenn für die Bestrafung der Tat auch eine ausreichende Rechtsgrundlage vorhanden ist.

Da er – im Falle von S21 – bei seinen sieben Sitzblockaden, die er in den Jahren 2010 und 2011 am Nordflügel und am Grundwassermanagement mitgemacht hatte, diese Rechtsgrundlage zur Verurteilung nicht erkannte, hat er gegen eine Strafe durch das Amtsgericht Widerspruch eingelegt. Unvergessen bei seinem Prozess am Amtsgericht ist dabei, wie er den Richter geradezu aufforderte „Verurteilen Sie mich!“, mit dem Ziel, dann eine Berufung am Landgericht erwirken zu können. Es ging dabei um die Verwerflichkeit von Nötigungen, die in der Regel in Stuttgarter Gerichten als gegeben vorausgesetzt wird. Der Richter am Landgericht jedoch setzte sich ausgiebig mit Sternsteins Motivationen auseinander und kam zu der Überzeugung, dass diese sieben Blockaden als nicht verwerflich anzusehen seien. Was einen Freispruch zur Folge hatte.

Sternstein beschäftigte sich intensiv und oftmals verzweifelt mit der Frage, warum der Stuttgarter Widerstand gegen S21 nicht erfolgreicher gewesen ist. In seinen Analysen – die er in den Jahren 2011 und 2012 mit erschreckender Klarsicht verfasste, und die bis heute lesens- und diskussionswert sind -, legte Sternstein immer wieder seinen Ansatz des gewaltfreien Widerstands dar. Dabei heißt für ihn „Gewaltfreiheit“ nicht, Gummibärchen zu verteilen, zu schlichten, abzustimmen, kritisch zu begleiten, zu akzeptieren, respektieren, durch Verfahren legitimieren … nein, er schreibt: „Ziviler Ungehorsam bedeutet massenhafte Regelverletzung, allerdings mit allen existenziellen Konsequenzen.“ Sein Fazit: „ Von dieser Konsequenz war unser bürgerlicher Widerstand immer meilenweit entfernt – und entsprechend zahnlos.“

Wolfgang Sternstein ist diesen konsequenten Weg des Widerstands in seinem Leben bis an die Schmerzgrenze gegangen; nur wenige waren und sind bereit und in der Lage, dies genauso umzusetzen. Er stand stets für die Prinzipien des Friedens ein, mit dem Ziel, die Welt ein Stück sicherer und menschlicher zu machen. War ihm dies alles in die Wiege gelegt? Bestimmt nicht. Es wäre vermessen, Wolfgang Sternsteins Biografie in Kurzform erzählen zu wollen. Sein Leben, das in einem extrem gewalttätigen Elternhaus begann, seine Flucht aus der häuslichen Gewalt, seine geistige Entwicklung in den Studienjahren, die Erlangung des Doktortitels, seine Wehrdienstverweigerung (als dies noch als kriminelles Vergehen geahndet wurde), die Jahrzehnte in den oben erwähnten Widerstandsgruppen, aber auch seine glücklichen Jahre, eingeschlossen seine private Entwicklung, die Kristallisierung seiner Weltsicht, seiner Prinzipien, seiner Philosophie – all das ist in seiner knapp 500 Seiten umfassenden Autobiografie unter dem Titel „Mein Weg zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit“ packend nachzulesen.

Erfolge und Niederlagen, Enttäuschungen und Freude an der Schöpfung und mit den eigenen Kindern und Enkeln – trifft das nicht auf fast jedes Leben von 80 Jahren zu, sind das nicht Floskeln? Was Sternstein autobiografisch schildert, ist mehr. Am Ende seines Buches, als Fazit seines Lebens, kommt wieder seine Skepsis zum Ausdruck, ja, sein Eingeständnis, dass  all sein Bemühen und das seiner Wegbegleiter gescheitert ist, da sie für das Ziel der atomaren Abrüstung und für das Ende der Kernkraft  gekämpft hatten.  Sternstein fragt auf der letzten Seite seine Autobiografie: „Sind, vom absehbaren Ende her betrachtet, damit nicht alle unsere Bemühungen um Demokratie, Menschenrechte, Frieden und Schöpfungserhalt vergeblich? Man kann es so sehen. Ich aber sehe es nicht so, denn für mich trägt jede Anstrengung auf diesen Gebieten ihren Sinn und ihren Lohn in sich selbst, unabhängig vom Erfolg oder Scheitern. Auch möchte ich zu guter Letzt meinen Glauben bekennen: Nichts, was Gutes in der Welt geschieht, ist verloren, aber alles, was Böses in ihr geschieht, ist verloren.“

Für diese „Bemühungen“, die sein ganzes Leben bestimmt haben, die viele Menschen inspiriert, gestärkt und mitgerissen haben, darf er bewundert und geehrt werden. Vielen Menschen war er ein Vorbild, mit vielen hat er im Widerstand gegen Unrecht gekämpft. Dafür sei Wolfgang Sternstein gedankt, verbunden mit einem herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

(Text: Petra Brixel; Foto: Wolfgang Rüter)

Ein Kommentar

SeniorInnen gegen Mietenwahnsin oder die Frage: Was tun gegen den „größten Schuft“ und wer ist das überhaupt?

Die SeniorInnen gegen S21 gehen nicht nur auf die Straße, wenn es um das Immobilienprojekt Stuttgart 21 geht. Sie werden auch aktiv gegen den Stuttgarter Mietenwahnsinn!  Zumindest, was das Demonstrieren angeht.  Längst haben sie erkannt, dass es nicht allein darum geht, gegen ein größenwahnsinniges Immobilienprojekt, genannt Stuttgart 21, zu protestieren, sondern es auch höchste Eisenbahn (!) ist, über den Bahnsteigrand zu blicken und da aktiv zu werden, wo noch viel mehr Natur, Umwelt, Gesundheit und Lebensraum,  ja, letztendlich unsere ganze Existenz gefährdet ist und wir größtenteils fremdbestimmt sind – und das bestimmt nicht zu unser aller Wohle. Aber zu wessen Wohle?

Joe Bauer, bekannt für seine Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten und bissigen Kommentaren,  schreibt zur Versammlung in der Forststraße auf seiner facebook-Seite:  „Bei der Straßenaktion am Samstagvormittag in der Forststraße 168 mit Reden und Songs ging es u. a. darum, eine Krankenschwester zu unterstützen: Mitten in der Wohnungsnot wurde ihre Miete aufgrund einer sog. Modernisierung von der Schwäbischen BauWerk GmbH um mehr als 130 % erhöht. Trotz intensiver Aufrufe brachten wir kaum 100 Leute auf die Straße. Am 6. April findet eine Stuttgarter Demo gegen den Mietenwahnsinn statt, die erstmals von einem breiten Bündnis (von SPD über Caritas bis zu den Aktionsbündnissen) getragen wird. Wir werden sehen, ob in dieser Stadt eine große solidarische Aktion möglich ist. Ob sich endlich die Erkenntnis durchsetzt, dass es sich bei der herrschenden Wohnungsnot nicht um individuelle Probleme handelt. Dass wir uns wehren müssen gegen eine Politik, die den Wohnungsbau seit Jahrzehnten dem „freien Markt“ überlässt – und angesichts des zunehmenden Rechtsrucks ein gefährliches soziales Klima schafft. – Die Besetzung des seit Jahren leerstehenden Wohnhauses in der Forststraße 140 ist ein legitimes Zeichen der Notwehr.“

Bild aus facebookseite Joe Bauer

„Der größte Schuft im ganzen Land ist der Mietenspekulant!*“ skandierte Joe Bauer am Samstag. Ich habe kräftig mitgerufen. Recht hat er – eigentlich. Ich frage mich manchmal (und immer öfters): Haben diese Art von Demos überhaupt einen Sinn? Haben wir nicht an Stuttgart21 gesehen, dass die brave Demonstriererei und die „Verhandlungen“ mit den Mächtigen überhaupt nichts nützen?  Im Gegenteil, „Verhandlungen“ und deren klägliche Ergebnisse  haben doch im Grunde gezeigt, dass diese dann den Regierenden bloß die Legimationen geben, genauso weiterzumachen wie bisher. Nur die Farbgebung ist anders.  Jetzt gehen wir halt wieder brav zur Montags-Demo, gucken bei Fridays for Future vorbei. Und bei der Demo am 6. April machen auch wir mit. Gell? Ein Lichtblick und vielleicht doch der „richtige“ Weg (was immer das bedeutet) ist die Besetzung der leerstehenden Wohnungen und Häuser.  Also doch  „richtiger“ Ziviler Ungehorsam?  Oder was?

Einen  hochinteressanter Artikel zum 80sten Geburtstag von Wolfgang Sternstein hat Petra Brixel auf BAA geschrieben.  Sehr lesenswert!!!  Und ebenfalls: Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, Wolfgang Sternstein!
*„Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant“ – das wusste schon Hoffmann von Fallersleben, als er diesen Satz Mitte des 19. Jahrhunderts niederschrieb
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Der „Rashomon-Effekt“ – Bericht über die Verhandlung wegen „falscher Verdächtigung“

 

Bis weit in die Mittagsstunden hinein dauerte dieses Mal die Verhandlung von Ernest P. wegen „falscher Verdächtigung“, die jedoch,  anders als die Verhandlung vor dem Amtsgericht, meiner Meinung nach  sorgfältiger und objektiver (whatever  „objektiv“ means*) vonstatten ging. Den Eindruck hatte man auch im Verhalten und Auftreten der Richterin, die nicht, wie seinerzeit die damalige Richterin,  die Ermittlungsakten, die inzwischen ja zu einem beachtlichen Stapel angewachsen waren,  missmutig und demonstrativ  zu ihrem Tisch schleppte und auf diesen hinknallte.  Auch die Staatsanwältin zeigte sich respektvoll, kam nicht verspätet angerannt und brauchte dann auch nicht jedes Mal  eine Extra-Aufforderung der Richterin zum Ansehen von Beweisbildern (!).   Vorher gab es aber noch ein moralisches Statement der Richterin, dass diese Verhandlung unbeeinflusst und respektvoll durchgeführt würde.  Ja, da schöpfte unsereins natürlich wieder Hoffnung.  Ein kleines Missbehagen entstand allerdings gleich zu Beginn, als sich eine Zuschauerin beim Eintreten der Richterin erst nach einer geraumen Zeit des Herumkruschtelns etwas widerwillig erhob und sich damit einen ersten Verweis einholte.

Kurz und gut: Ernest hat einen neuen Anwalt, der mit frischer Kraft und guten Mutes ihm beistand und zuweilen sogar richtig filmreif spitzfindig nach Lücken in der Beweisaufnahme und in der Aussage der geladenen Zeugen suchte. Großartig!

Aber auch in dieser Verhandlung wurde wieder deutlich, wie unterschiedlich die Aussagen der Zeugen und des Angeklagten waren: sie erinnerten sich nicht mehr genau daran, hatten im entscheidenden Moment nichts gesehen oder gaben überhaupt eine ganz andere Version des Tathergangs an.

Irgendwie erinnerte mich auch die ganze Verhandlung an den Film „Rashomon“. Sicher ein sehr übertriebener Vergleich und man möge mir diesen dramatischen Vergleich nachsehen (mein Hang zur Dramatik geht wieder mit mir durch!). Kernthema dieses Film ist die subjektive Wahrnehmung von Ursache, Wirkung und Schuld bei einem vermeintlichen Verbrechen an einem Samurai, begangen von einem berüchtigten Banditen im Wald der Dämonen.  In der Verhandlung erzählen Beteiligte und Unbeteiligte ihre subjektive Version von dem Geschehen, die jedes Mal anders und plausibel erscheint.  Gerade bei Zeugenaussagen wird dieser nach dem Film benannte „Rashomon-Effekt“  immer wieder beobachtet, wenn sich Zeugen bei ihren – wie sie glauben – objektiven Tatbeschreibungen gegenseitig widersprechen. Damit wird die Vermutung widerlegt,  dass eine objektive Wahrheit aus Zeugenaussagen rekonstruiert werden könne, da sowohl die Erinnerung als auch die Wahrnehmung der Ereignisse subjektiv geprägt wären.  (https://en.wikipedia.org/wiki/Rashomon_effect ) . So geschehen auch in dieser Verhandlung. Eindeutig konnte nicht festgestellt werden, wie der „wirkliche“ Tathergang war. Es standen Aussagen gegen Aussagen.

Unfreiwillig komisch wurde es aber, als Ernestine R., gebürtige Wienerin und mit ihren 87 Jahren eine der aktivsten Stuttgart-21-GegnerInnen,  sich nach jeder Aufforderung der Richterin weigerte, zur Befragung in den Gerichtssaal zu kommen, da ihr Anwalt noch nicht da sei. Lautstark und energisch hörte man ihre Stimme durch den Gang schallen. Und sie hatte ja recht. Wie es sich herausstellte, waren die Uhrzeiten fehlerhaft angegeben worden. Und ohne anwaltlichen Beistand  wollte Ernestine  den Saal nicht betreten.

Zu erwähnen wäre noch, dass anders, als in der ersten Verhandlung, dieses Mal Videoaufnahmen von der Auseinandersetzung zwischen Ernest und dem LKW-Fahrer gezeigt wurden. Das war nämlich, soweit ich mich erinnere, vormals nicht der Fall. Da sah die Sache wieder ganz anders aus.  Allerdings  fehlte  auch diesmal eine wichtige Zeugin, die vielleicht hätte  i h r e  Version des Geschehens dazu beitragen können. Und so zog sich die Verhandlung bis weit nach der Mittagspause hin. Gegen Ende kam auch der Vorschlag einer eventuellen Einstellung des Verfahrens seitens des Anwalts von Ernest P.  auf, was aber erstmal nicht weiter thematisiert, sondern die Verhandlung kurz danach vertagt wurde.

Man darf gespannt sein und für Ernest auf einen guten Ausgang hoffen. Die nächste Verhandlung ist auf Donnerstag, 21. März, um 10.30 Uhr festgesetzt, wieder beim Landesgericht, Olgastraße 2, Saal 8 im UG.

 

* in Abwandlung zu Prinz Charles Bemerkung auf die Frage, ob er seine damalige Verlobte, Prinzessin Diana, liebe, anwortete: „Yes, I love her, whatever „love“ means“.  (!)

 

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Ernest gibt nicht auf! – Gerichtsverhandlung wegen „falscher Verdächtigung“ am 28. Februar.

So einen wie Ernest P. kann man nicht klein kriegen. Zur Erinnerung: Am 13. Januar 2019 war Ernest in seiner Wohnung festgenommen worden und in die JVA Rottenburg bzw. Stuttgart-Stammheim gebracht worden. Dort musste er eine 20-tägige Haftstrafe absitzen, weil er eine Strafe für eine Blockadeaktion nicht zahlen wollte. Zahlreiche Solidaritätsbezeugungen hatten für Ernest dann das Durchhalten im Gefängnis aber doch etwas leichter gemacht, obwohl diese „Bestrafungsmaßnahme“ ihn wieder viel Kraft und Lebensqualität kosteten.

Und jetzt steht schon die nächste Verhandlung bevor. Es geht um ein Strafverfahren wegen angeblicher „falscher Verdächtigung“. Bei einem Frühstück auf der Baustelle am 22.12.2015 wurde Ernest von einem LKW-Fahrer hart angegangen, der ihn zuerst mit seinem Fahrzeug, den Ernest blockierte, weiterschob und ihn dann von seinem Fahrzeug wegzerren wollte und ihn bei diesem Vorgang an der Schulter verletzte. Ernest hatte seinerzeit noch am gleichen Tag Anzeige wegen Körperverletzung gestellt. Die Anzeige wurde jedoch nicht weiter verfolgt bzw. niedergeschlagen. Statt dessen kam es zu einer Strafverfolgung gegen Ernest und seiner anschließender Verurteilung wegen „falscher Verdächtigung“ des LKW-Fahrers, bei der Ernest vom Richter für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 10,00 Euro, insgesamt also 600,00 Euro, verurteilt wurde.

Einer wie Ernest lässt so etwas nicht einfach auf sich sitzen und hat dagegen Widerspruch eingelegt. Natürlich hofft Ernest, dass seinen Ausführungen geglaubt wird, denn er fühlt sich absolut im Recht. Es ist für ihn unfassbar, dass er für die erlittene Körperverletzung auch noch bestraft wird. Die Verhandlung findet

am Donnerstag, 28. Februar 2019, 09:00 Uhr , Sitzungssaal 8, UG, in Stuttgart-Mitte, Olgastraße 2,

statt. Ernest freut sich sicherlich, wenn möglichst viele an der Gerichtsverhandlung teilnehmen könnten und Solidarität zeigen würden.

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Fotoserie zu: Empört Euch – Karls Knastantritt und Mahnwache für Ernest –

Zum Bericht „Empört Euch …“ hat Dagmar, Mitglied der Gruppe der SeniorInnen gegen S21,  noch eine Fotoserie über Begleitung von Karl zur JVA Kempten zur Verfügung gestellt:

Ein Bericht der SeniorInnen gegen Stuttgart21

Die SeniorInnen gegen Stuttgart21 haben am Dienstag, 22. Januar von 10 bis 12 Uhr,  vor dem Justizministerium am Schillerdenkmal eine Mahnwache für unsere Mitstreiter Ernest und Karl abgehalten. Damit wollten sie Solidarität für die beiden zeigen und gleichzeitig gegen die Kriminalisierung von Stuttgart-21-AktivistInnen demonstrieren. Zwar hatten sie  nicht mit mehr als 20 TeilnehmerInnen gerechnet, insgeheim  aber doch auf einen „Massenauflauf“,  zumindest aber auf den Beginn einer mittleren Revolution (!) gegen Kriminalisierung von S21-Gegnern gehofft. Leider war dem nicht so. Aber trotzdem war es eine gelungene Veranstaltung und Demonstration in Sachen Solidarität für Ernest und Karl. Dazu beigetragen hat auch Gerd Schinkel, Liedermacher und Sänger – übrigens  schon fast seit der 68-er Zeiten. Sein Liederbuch „Überlebenslieder“ ist bis heute noch aktuell. Mit seinen feurigen und sarkastischen Liedern, wie schon bei vielen Montags-Demos auch,  wärmte er die Herzen der Mahnwachen-TeilnehmerInnen,  weckte ihren Kampfgeist und verströmte eine ungeheuere Energie in die kalten Knochen, so dass die meisten wippend und  mitsingend gute Stimmung bei der Mahnwache verströmten.  Gefreut hat, dass nicht nur die Gruppe der SeniorInnen vertreten war, sondern auch andere TeilnehmerInnen sich solidarisiert hatten.

Bei der 450. Montagsdemo werden wieder Flyer verteilt werden. Da Ernest inzwischen ja in Stuttgart-Stammheim seine ungerechte Strafe verbringt,  sind die meisten der Flyer auch mit der neuen Adresse versehen worden. Beide, Ernest und Karl,  freuen sich im übrigen sehr über Post von draußen.

Karls Haftantritt in die JVA Kempten

Karls Haftantritt wiederum war eine echte Sensation. Einige BegleiterInnen hatten sich Sträflingskostüme angezogen, es wurden aufmüpfige Lieder gesungen und Karl hielt  vor den Gefängnistoren noch  eine kurze Rede, in der er seine Position begründete. Auch die Presse hatte sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. So zog die Karawane durch Kempten gen JVA Kempten. Die Aufmerksamkeit der Passanten hatten sie auf jeden Fall sicher. Aber die Hauptsache: Karl, einer der engagiertesten Vertreter gegen das Immobilienprojekt Stuttgart21, der sich gegen die Zerstörung der Natur,  für eine sorgsamen und pflegerischen Umgang mit Flora und Fauna einsetzt und für den Erhalt lebenswichtiger Umweltbedingungen kämpft, war bei seinem Gang zu der ungerechten Strafe nicht allein!

Nachstehend der link zu den Berichten im „Allgäuer Boten“ und im Knasttagebuch von Karl sowie  Fotos von der Mahnwache für Ernest.

https://karlimknast.home.blog/

https://allgaeu.life/videos_artikel,-allgaeuer-umweltaktivist-muss-ins-gefaengnis-mitstreiter-bejubeln-ihn-_arid,2330823.html

 

 

 

 

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Karls Haft-Tagebuch – Letztes Statement aus der Anstalt

über Karls Haft-Tagebuch – Letztes Statement aus der Anstalt