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Fridays for Future – eine Streitschrift.

Ingo Speidel (Stuttgart), 19.6.2019

Ist die „fridays-for-future“-Bewegung antikapitalistisch?

Die Linken, im Geiste des Arbeiter-Marxismus erzogen, wissen mit der fff-Bewegung nichts anzufangen, können mit ihr nicht umgehen. Diese Revolte lässt sich nicht mit den Kriterien der Klassen-Analyse packen.

Ist sie anti-kapitalistisch? Jugendliche gegen Alte? Welche Klassen-Interessen drückt sie aus? Will sie den kapitalistischen Staat reparieren oder stürzen, übernehmen oder zerschlagen? Was meint „system change“: den bürgerlichen Parlamentarismus oder die marktwirtschaftliche Logik aufheben? Warum werden als Alternativen nur technische „Lösungen“ diskutiert?

Vielleicht kann es hilfreich sein, dass wir uns erinnern, wie hilflos die Arbeiterbewegung im letzten Jahrhundert sich angesichts der anti-kolonialen Bewegung oder der Frauen-Befreiungsbewegung (oder der anti-rassistischen Bewegung oder des Völkermords an den Juden) verhielt, ja verhält. Nein, der Sozialismus löste diese „Nebenwidersprüche“ überhaupt nicht. Ganz zu schweigen vom „ökonomischen Interesse“ der Arbeiterklasse, das diese in der Regel kolonial, rassistisch, sexistisch, wohlstands-chauvinistisch, standort-egoistisch versteht, Klassenbewusstsein hin oder her.

*

Zurück zu fff:

Ganz falsch wäre es, einen „antikapitalistischen Block“ in der Bewegung aufzubauen.

Erstens, weil es keine klare Definition gibt, was als „antikapitalistisch“ verstanden wird. Über das Ziel (eine nicht-kapitalistische Gesellschaft) und über den Weg dorthin (Revolution? Transformation?) ist die Diskussion breit und offen. (Für mich sind die Zapatistas in Mexiko, die MST in Brasilien und die Revolution in Rojava/Nordsyrien am inspirierendsten. Aber das ist ein anderes Thema.)

Zweitens muss die fff-Bewegung (genauso wie die feministische oder anti-rassistische Bewegung) in ihrer Eigenart und Dynamik analysiert werden, nicht als zu korrigierende Abart des Klassenkampfes. Versuchen wir es – das ist unser Thema.

1. Als Umweltbewegung ist fff (wie alle Umweltbewegungen in der Regel) gegen die Interessen der Lohnabhängigen. Letztere verteidigen ihren Arbeitsplatz. Aber im kapitalistischen System ist letztlich jeder Arbeitsplatz zerstörerisch für Natur und Mensch.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung kennt keine Kämpfe gegen natur-zerstörerische Industrien oder Projekte. Ein Whistleblower findet keine Unterstützung in der Gewerkschaft. Aber glaubt jemand, dass die fff-Jugendlichen später eine Karriere als Ingenieur bei Daimler oder als Laborantin bei Monsanto machen? Ich sehe hier eine revolutionäre Seite im Bewusstsein der Jugendlichen, die es in der Arbeiterbewegung nie gab: dass die Lohnarbeiter hinterfragen, was sie überhaupt produzieren.

2. Den Jugendlichen geht es nicht um ihre ökonomischen Interessen. Im Kern ist fff eine moralische Revolte auf höchstem Niveau.

Kinder kriegen von ihren Eltern gesagt, was Gut und was Böse ist. Daran orientieren sie sich, denn daran glauben sie.

Teenager lernen von Eltern-Schule-Gesellschaft die Grundlagen von Moral und Vernunft. Damit haben sie sich auseinanderzusetzen, um ihren eigenen Lebensweg zu finden. Und nun wird ihnen plötzlich bewusst, dass die Gesellschaft sich gar nicht um diese Grundlagen kümmert, sondern auf den kollektiven Selbstmord zurast. Alle ihre persönlichen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen sind im Grunde wertlos, Spielerei, für die Katz. Die einzige Haltung, die noch gilt, die moralisch und vernunftmäßig gerechtfertigt ist, kann nur sein: alles zu tun, um das Klima / die Menschheit zu retten. Alles andere ist zweitrangig.

(Eigentlich müssten auch wir Über-50-jährigen diese Haltung einnehmen. Welchen Stellenwert haben unsere Kämpfe gegen S 21, gegen Rassismus, für Frauenbefreiung oder die Revolution in Rojava, wenn in wenigen Jahrzehnten die Menschheit untergeht?Aber für uns ist die Einsicht abstrakt. Für die Jugendlichen ist sie ganz konkret. Mich frappiert jeden Freitag, wie leicht selbst die Kinder verstanden haben, um was es den fff geht. Während gerade die Älteren in den fff nur eine weitere Umweltbewegung begrüßen.)

Mit diesem absoluten Moralismus haben wir MaterialistInnen unsere Schwierigkeiten. Welchen Stellenwert für den Sturz des Kapitalismus haben die Bienen, die Eisbären, die vegane Lebensweise, der Verzicht auf den Führerschein oder auf Plastik? Das sind die Probleme, die die fff-Jugendlichen am meisten umtreiben. Wir würden solche Fragen eher mit religiöser Sektiererei als mit antikapitalistischem Klassenkampf verbinden.

Wir wissen: Die herrschende Moral ist die Moral der Herrschenden. Aber damit hat sich das Problem für uns nicht erledigt. In der Geschichte der Befreiungskämpfe der Menschheit haben als Auslöser moralische Fragen, religiös verkleidet, fast immer die Hauptrolle gespielt.

*

„Wozu lernen, wenn wir keine Zukunft haben?“

Keine revolutionäre Bewegung, kein revolutionäres Programm hat bisher ihre Zustandsanalyse und ihr Ziel derart radikal und konsequent definiert wie die fff.

Wir sagten (mit Rosa Luxemburg): Sozialismus oder Barbarei. Und zappeln jetzt in der Barbarei.

Die Jugendlichen sagen: Entweder wir retten das Klima jetzt.

Oder die Menschheit vernichtet sich selbst. Im Lebensverlauf unserer Generation.

Alle geben den Jugendlichen Recht. Wir auch.

Aber niemand zieht die Konsequenzen. Wir auch nicht. Nur die fff-Jugendlichen selber. Ihnen ist bewusst, dass unsere Lebensweise in all ihren Aspekten die Umwelt zerstört. Nicht nur die Knute des Kapitalismus. Sie haben den Kampf aufgenommen gegen alle möglichen Aspekte. Ohne Strategie. Ohne vorher die strukturellen Ursachen der Umweltvernichtung erkannt und analysiert zu haben, nämlich die kapitalistische Logik.

Immerhin diese Erkenntnis haben wir den Jugendlichen voraus. Klima retten geht nicht ohne Kapitalismus besiegen. Nur wissen wir nicht genau, wie er besiegt werden kann.

Und wenn die antikapitalistische Dynamik der fff-Bewegung eher über den Veganismus zum Ausdruck kommt als über die Formierung eines „antikapitalistischen Blocks“?

 

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