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Bei den Refugees in der Thouretstraße, Stuttgart

Forderungen Refugees

Das ist das Statement der Flüchtlinge, die seit Ende Juli in der Thouretstraße vor dem Integrationsministerium protestieren und campieren.

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Die Situation im Asylantenwohnheim
Untergebracht in beengten Unterkünften, Essensrationen wie in Kriegs- und Nachkriegszeiten in Deutschland, eingeschlossen und isoliert vom Rest der Bevölkerung, ungelitten und unbeliebt von vielen Einwohnern leben sie monatelang, ja, sogar Jahre in Asylantenwohnheimen. Was für ein Leben! Und beschämend, dass jetzt viele Stuttgarter die Forderungen der Flüchtlinge als überzogen und maßlos halten. Was sollen denn die Hinweise auf die Zustände in anderen Ländern und deren Lagern, was sollen denn die Hinweise, dass „die“ froh sein können, überhaupt hier sein zu dürfen. Warum sollen Menschen, denen es deutlich schlechter geht als uns, nicht zu uns kommen und hier leben und zwar menschenwürdig?

Wovor habt ihr Angst?
Das frage ich mich auch, als ich den Kommentar von Helmutxx11 auf SWR/Lesermeinung lese, der weiter schreibt: „Wir sind hier so reich, dass wir uns tagelang mit den eingewachsenen Zehennägeln unserer Wellensittiche oder ähnlichen Wichtigkeiten beschäftigen können, ohne uns um die wirklichen Schweinereien kümmern zu wollen/müssen. Vielleicht käme dann nämlich ans Licht, dass unser Reichtum und deren Armut nur die zwei Seiten derselben Medaille sind und dass wir seit Jahrzehnten uns auf Kosten der sog. Dritten Welt dick und fett fressen. Also: Vor was habt ihr Angst, wenn denn Menschen, die hier Asyl und sichere Zuflucht suchen eine menschenwürdige Unterbringung geschaffen wird?“ Das sitzt! (und auch  Tierfreunde wissen, wie es gemeint ist!).

Was passiert grade in der Thouretstraße
Als ich letzten Freitag auf der „Anstifter“-Seite den Aufruf von Peter Grohmann gelesen habe „Sollen sie doch Wein saufen …“ habe ich mich erstmal geschämt, dass ich es trotz mehrmaliger Aufrufe nicht geschafft habe, dorthin zu gehen, um mich zumindest durch meine Anwesenheit mit den Flüchtlingen zu solidarisieren. Aber diesen Freitag am 26. Juli, schaffte ich es nach unserer „Rathausaktion“  (übrigens die XXXIIIste!) zum Treffpunkt „5 vor 12!“, dem Aufruf von Peter Grohmann zu folgen.

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Am Ort des Geschehens
Es ist heiß dort vor dem Integrationsministerium. Einige Flüchtlinge, meist junge Männer, liegen auf Matten, einige stehen und reden miteinander, ein junger Mann liegt teilnahmslos auf einer Matte, die Füße hochgelegt, wird umsorgt von einer jungen Frau, die ich auch aus den Widerstand gegen S21 kenne. In der Nähe der „Mahnwache“ haben sich Peter Grohmann und einige  Leute versammelt, die wahrscheinlich dem Aufruf gefolgt sind. Sie stehen um Peter Grohmann herum, der mit dem Sprecher der Flüchtlinge im Gespräch ist.

Irgendwie werde ich zornig darüber, dass sich der Pulk um Peter bildet und die Anwesenden sich nicht direkt bei den Flüchtlingen befinden und mit ihnen reden. Na ja, nicht gerade freundlich mache ich alle auf diesen Zustand aufmerksam, und das kommt auch nicht gerade so toll an. Und nachdem mir das wieder mal so einfach herausgerutscht ist, wird es mir auch peinlich und ich mache das, was ich einfordere: Ich gehe einfach zu den Leuten hin.

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Usman, mein freundlicher Gesprächspartner!

Zum Beispiel: Usman Ali, Pakistani, 22 Jahre
Ich komme mir nun doch etwas trampelig vor, mich einfach ungefragt zu ihm hingesetzt zu haben. Aber jetzt ist es halt passiert und Usman lächelt mich freundlich an.

Usman ist 22 Jahre alt, kommt aus Pakistan , genauer gesagt Narowal/Zafarwal (in der Nähe von Lahore). Er ist mit 18 Jahren von zu Hause fort, aus politischen Gründen, und hat einen mehr als 3-jährigen Fluchtweg und Auffanglager in Griechenland hinter sich. Seit 6 Monaten ist er in Deutschland und seit 3 Monaten im Asylantenwohnheim in Külsheim. Zusammen mit den anderen Menschen, die sich hier in der Thouretstraße befinden, protestiert er für ein menschenwürdiges Dasein, um eine gerechte Behandlung und Respektierung seiner Menschenwürde. Er will gerne besser Deutsch können, würde gerne arbeiten und nicht wie in einem Straflager eingepfercht sein. Das alles bricht aus ihm heraus. Vorsichtig zwar, um nicht den Anschein zu erwecken, er sei „maßlos“ (!) – wie viele Passanten auch schon signalisierten.

Sehnsucht nach der Familie
Und seine Familie? Ja, Sehnsucht hat er schon. Da ist Kubra Bibi, sein Mutter, Tanya seine 12 Jahre alte Schwester und seine beiden Brüder Assad und Zeshan, 15 und 18 Jahre alt. Vielleicht sieht er sie irgendwann einmal wieder!

Inzwischen kommt der Rettungsdienst und transportiert den anderen jungen Mann, der schon bei meiner Ankunft apathisch und nicht mehr ansprechbar war, ins Krankenhaus. Die anderen registrieren das zwar, aber sie wissen, so habe ich jedenfalls den Eindruck, dass es jeden von ihnen treffen könnte, wenn dieser Protest weitergeht. Und er wird auch weitergehen müssen, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Und ich bewundere die drei Frauen Christine, Petra und Louby die sich schon tagelang um die Menschen dort kümmern.

Inzwischen hat sich auch der Pulk um Peter Grohmann aufgelöst. Die Leute gehen auch auf die liegenden und stehenden Flüchtinge zu. Versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn man selbst die Initiative ergreifen muss. Diese Erfahrung habe ich ja vorhin auch machen müssen.

Jens, der sich inzwischen zu uns gesetzt hat, fragt, ob er Fotos machen dürfe. Ja, darf er. Und ja, ich darf auch einen Bericht über Usman schreiben.

Irgendwann tun mir alle Knochen weh vom unbequemen Sitzen auf der Matte. Ich glaube auch, dass Usman genug von meiner Fragerei hat, er wirkt jetzt müde. „Und du bringst mir deinen Bericht vorbei?“ fragt Usman noch beim Abschied. Ja, versprochen, Usmann.

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Weitere Infos:
refugeeproteststuttgart.wordpress.com/
Thevoiceforum.org
blognau.wordpress.com

Dieser Bericht ist veröffentlicht auf dem Blog derÄltestenrat.wordpress.com
Bericht: Ingrid von Staden, Fotos: Loubna Forer,  Jens Volle

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2 Kommentare zu “Bei den Refugees in der Thouretstraße, Stuttgart

  1. Diese Thematik ist an dieser Stelle nicht angebracht.
    Hier geht es in 1.Linie um Stuttgart 21..!
    Zudem ist es jedem unbenommen dem Asyl-Bewerber einen Schlafplatz
    in seiner Wohnung anzubieten,oder gar Wohnmoeglichkeit.
    Erst dann kann ich die Personen ernst nehmen, die sich
    ueber die angeblich menschenunwuerdigen Unterbringungen
    der Asyl-Bewerber aufregen.
    Ich persoenlich sehe die Forderungen zum Teil ueberzogen und
    unberechtigt. Warum die BRD Teilschuld haben soll, weil ein
    Aktivist aus dem Iran mit einem Osram Elektrokabel misshandelt
    worden sein soll erschliesst sich mir nicht.
    Da fass ich mich doch nur noch an den Kopf..!

    Guenther Blind

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    • Hallo Guenther,
      vielleicht hast du unsere Zugangsdaten unter „Wer wir sind“ noch nicht gelesen. Da heißt es, dass wir hier über Stuttgart 21 schreiben und was uns sonst noch bewegt. Außerdem finde ich deinen Kommentar “ …ist es jedem unbenommen, dem Asyl-Bewerber einen Schlafplatz in seiner Wohnung anzubieten … etc.“ so ziemlich daneben. Wenn du z.B. für mehr Kiga-Plätze demonstrieren würdest, was ja auch durch den Rechtsanspruch angemessen wäre, bietest du doch auch nicht in deiner Wohnung gleich einen Kiga-Platz und spielst den Baby-Sitter und forderst dies auch noch von den DemonstrantInnen, allenfalls sie zu schweigen hätten. Vielleicht solltest du dich auch noch etwas mehr kundig machen, denn die Flüchtlinge wollen nicht mehr, was im Flüchtlingsgesetz von Baden-Württemberg geschrieben steht und was ihnen auch rechtmäßig zusteht. Das ist durchaus ihr Recht und das können sie doch auch einfordern. Zusätzlich prangern sie auch noch die Zustände in Külsheim an. Ja, ist denn das so verwerflich? Also fass dich nicht erst lange an den Kopf, sondern lies erstmal nach und frage sie dann auch mal selbst. So weit ist das doch nicht, oder? Viele Grüße. Ingrid

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